Gutachten im Auftrag der Grünen Fraktion zeigt massive regionale Unterschiede bei Erteilung von Arbeitserlaubnissen in Bayern
Ausländerinnen und Ausländer, die in Bayern arbeiten wollen, brauchen nicht nur Qualifikationen oder Jobangebote – oft ist auch der Ort entscheidend, an dem sie eine Arbeitserlaubnis beantragen. Das zeigt ein Gutachten der Universität Konstanz im Auftrag der Landtags-Grünen. Die Untersuchung analysiert die Bewilligungspraxis für Arbeitsgesuche zwischen 2018 und 2024 in den bayerischen Landkreisen. Das Ergebnis: Die Unterschiede bei Bewilligungen und Ablehnungen sind teils gravierend – und lassen sich nur zum Teil durch die wirtschaftliche Lage vor Ort erklären.
Eva Lettenbauer, Sprecherin für Arbeit der Landtags-Grünen:
„Mitten im Fachkräftemangel können wir es uns nicht leisten, arbeitswillige Menschen in einer Behörden-Lotterie festzuhalten. Wenn in einem Landkreis deutlich häufiger abgelehnt wird als im Nachbarkreis, obwohl die Wirtschaft ähnlich dringend Personal sucht, dann läuft strukturell etwas schief.“
Gülseren Demirel, Sprecherin für Integration:
„Wer arbeiten kann und arbeiten will, sollte in Bayern die Chance dazu bekommen. Arbeit ist der schnellste Weg in echte Teilhabe. Wenn diese Menschen aber an bürokratischen Hürden scheitern, dann blockiert das einen der wichtigsten Hebel zur Integration.“
Das Gutachten von Professor Gerald Schneider und Constantin Wohlfart zeigt ein zweigeteiltes Bild: Bayern weist im bundesweiten Vergleich insgesamt niedrige Ablehnungsquoten auf – im Untersuchungszeitraum sogar die niedrigsten bundesweit, 2024 die viertniedrigsten. Das spricht zunächst für einen vergleichsweise offenen Arbeitsmarkt.
Doch der Blick ins Detail zeigt massive Unterschiede innerhalb Bayerns.
So lag beispielsweise die durchschnittliche Ablehnungsquote im Landkreis Dingolfing-Landau bei 27,5 Prozent, im Landkreis Ebersberg bei rund 8,0 Prozent. Der bayerische Durchschnitt liegt bei 13,2 Prozent.
Auch dort, wo die wirtschaftliche Lage eine deutlich niedrigere Ablehnungsquote erwarten ließe, zeigen sich große Abweichungen: Im Landkreis Roth lag die tatsächliche Ablehnungsquote 2024 bei 23,1 Prozent, laut Gutachten wären 11,2 Prozent zu erwarten gewesen. Im Landkreis Pfaffenhofen a. d. Ilm lag die tatsächliche Quote bei 20,7 Prozent, erwartet worden wären 11,1 Prozent.
Auch zwischen Branchen zeigen sich erhebliche Unterschiede. Besonders hoch fallen die durchschnittlichen Ablehnungsquoten in der Gastronomie mit 17,7 Prozent und in der Landwirtschaft mit 12,1 Prozent aus – also ausgerechnet in Bereichen mit hohem Personalbedarf. Deutlich niedriger liegen die Quoten im Gesundheitsbereich (7,0 Prozent), im Hotelgewerbe (5,6 Prozent) sowie im Bauwesen (Hochbau 4,4 Prozent / Tiefbau 3,3 Prozent).
Eva Lettenbauer:
„Wenn etwa in der Gastronomie fast jede fünfte Arbeitsanfrage scheitert, obwohl überall Personal gesucht wird, dann haben wir kein Arbeitsmarktproblem, sondern ein Behördenproblem. Deshalb müssen Verfahren schneller, transparenter und endlich wirtschaftstauglich werden.“
Die Studie zeigt außerdem Unterschiede zwischen Antragstellergruppen: Während die durchschnittliche Ablehnungsquote bei Geflüchteten bei 8,1 Prozent liegt, beträgt sie bei osteuropäischen Staatsangehörigen 18,3 Prozent. Für Menschen mit ukrainischem Pass lag sie 2024 bei 16,9 Prozent.
Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass aggregierte Daten keine individuelle Diskriminierung nachweisen können. Gleichzeitig legen die Ergebnisse nahe, dass vergleichbare Anträge nicht überall gleich behandelt [LP2] werden – mit Folgen für Betroffene und den Wirtschaftsstandort.
Prof. Dr. Gerald Schneider, Universität Konstanz:
„Das Gutachten zeigt, dass in vielen bayerischen Landkreisen die Behörden Arbeitsbewilligungen für bestimmte Ausländergruppen sehr restriktiv erteilen. Dies verschärft den Fachkräftemangel und die Wachstumsprobleme der gesamten Volkswirtschaft. Leicht umsetzbare Maßnahmen könnten die Lage entschärfen.“
Constantin Wohlfart, Universität Konstanz:
„Da die Unterschiede zwischen den Kreisen sich nur zu einem Drittel durch den regionalen Arbeitsmarkt erklären lassen, spielen wohl auch andere Faktoren wie ineffiziente Entscheidungsprozesse und teilweise diskriminierendes Verhalten bei der Regulierung des Zugangs zum Arbeitsmarkt eine Rolle.“
Für die Landtags-Grünen ist klar: Bayern braucht nun gute Lösungen.
Gülseren Demirel:
„Ein Rechtsstaat funktioniert nicht nach Postleitzahl. Wenn vergleichbare Fälle in Bayern unterschiedlich entschieden werden, braucht es keine Ausreden, sondern endlich klare Leitplanken und ein Innenministerium, das für einheitliche Standards sorgt.“
Die Landtags-Grünen fordern ein umfassendes Modernisierungspaket:
1. Einheitlicher Vollzug statt Flickenteppich
Die Anwendung ausländerrechtlicher Regeln muss bayernweit einheitlich erfolgen. Die Landtags-Grünen fordern ein permanentes Monitoring der Ausländerbehörden durch das Innenministerium, um gleiche Standards, mehr Planungssicherheit und einen rechtskonformen, wirtschaftsfreundlichen Vollzug sicherzustellen.
2. Behörden besser aufstellen
Ausländerbehörden brauchen bessere Werkzeuge und klarere Strukturen. Daher braucht es:
- systematische Evaluation der Behördenpraxis
- verpflichtende interkulturelle Fortbildungen
- spezialisierte Teams für Erwerbsmigration, Fachkräfte und Auszubildende
3. Verfahren digitalisieren und beschleunigen
Zu viele Prozesse laufen noch papierbasiert, langsam und intransparent. Die Landtags-Grünen fordern:
- vollständige Ende-zu-Ende-Digitalisierung
- standardisierte Checklisten und Online-Checks
- verbindliche Bearbeitungsfristen
- bessere Abstimmung zwischen Aufenthaltstiteln und Arbeitserlaubnissen
4. Entlastung für Arbeitskräfte durch einfache Einbindung der Arbeitgeber
Viele Betriebe wollen aktiv unterstützen, werden aber aus Verfahren herausgehalten. Die Landtags-Grünen setzen sich ein für:
- Vollmachtslösungen für Arbeitgeber
- feste Ansprechpartner
- institutionalisierte Zusammenarbeit mit IHK, HWK und Wirtschaftsverbänden
5. Ausbildung und Fachkräftesicherung stärken
Gerade beim Übergang von Ausbildung in Beschäftigung braucht es Verlässlichkeit:
- frühzeitige Entscheidungen über Ausbildungsaufnahmen
- sichere Aufenthaltsperspektiven nach erfolgreichem Abschluss
6. Qualifikationen schneller anerkennen
Vorhandene Fähigkeiten dürfen nicht verloren gehen. Es braucht:
- schnellere Anerkennungsverfahren
- frühzeitige Kompetenzfeststellung
- Erfassung beruflicher Qualifikationen bereits in ANKER-Einrichtungen
7. Sprachförderung ausbauen
Sprache ist Voraussetzung für Teilhabe am Arbeitsmarkt. Nötig sind:
- flächendeckende Sprachkurse
- berufsspezifische Angebote
- bessere Versorgung auch im ländlichen Raum
Gülseren Demirel:
„Ein moderner Staat erkennt seine Potenziale – er blockiert sie nicht. Wer hier arbeiten kann, soll die Chance dazu bekommen. Das hilft den Menschen, hilft den Betrieben und stärkt unser ganzes Land.“
Die Wissenschaftler empfehlen ebenfalls konkrete Konsequenzen aus den Ergebnissen – darunter bessere Datengrundlagen, standardisierte Entscheidungspraktiken, verbindliche Antibias-Trainings und stärker teamgestützte Entscheidungen in schwierigen Fällen.
Die Landtags-Grünen mahnen: Bayern kann es sich nicht leisten, vorhandene Arbeitskraft durch Bürokratie zu verlieren.
Eva Lettenbauer:
„Wir haben kein Erkenntnisproblem mehr. Wir haben ein Umsetzungsproblem. Und das ist lösbar – wenn die Staatsregierung endlich anpackt. Viele Arbeitnehmer brauchen dringend jemanden im Team, der offene Stellen besetzt. Jede Arbeitserlaubnis bedeutet Erleichterung für Arbeitssuchende, ihre Kolleginnen und Kollegen und die Wirtschaft.“