Arbeiten und Menschlichkeit gehören zusammen. Darum sind die Prinzipien der Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (Diversity, Equality, Inclusion), kurz DEI, nicht nur grundlegend für unsere Gesellschaft, sondern auch für die Arbeitswelt. Doch aktuell geraten diese Werte zunehmend unter Druck. Donald Trump hat am ersten Tag seiner Amtszeit alle DEI-Programme in der US-Regierung abgeschafft. Auch hierzulande geraten Initiativen für Vielfalt zunehmend in die Kritik und die Unterstützung aus der Gesellschaft schwindet. Im Webinar „Diversität in der Arbeitswelt – Zwischen Fortschritt und Gegenwind“ standen die aktuellen Chancen und Herausforderungen von Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion in der Arbeitswelt im Fokus. Gemeinsam mit drei Expertinnen beleuchtete Eva Lettenbauer, wie weit wir gekommen sind, wo Widerstände spürbar werden und was es jetzt auf politischer und organisationaler Ebene in Bayern und darüber hinaus braucht, um Fortschritte zu sichern und auszubauen.
Dr. Julia Gruhlich, Geschlechterforscherin an der Universität Göttingen, zeichnete ein Bild des Status quo: Auch im Jahr 2025 ist die Gleichstellung in vielen Bereichen immer noch unzureichend. Trotz jahrelanger Programme liegt der Frauenanteil in Führungspositionen bei knapp 30 Prozent, und der Gender Pay Gap beträgt weiterhin rund 18 Prozent. Zudem zeige sich Diskriminierung nach wie vor in vielfältigen Formen – etwa gegenüber muslimischen Bewerber*innen oder Menschen mit Behinderungen. Gruhlich machte deutlich, dass Diversität ein grundlegender Struktur- und Kulturwandel sei und kein kurzfristiges Projekt. Viele Unternehmen hätten zwar die Charta der Vielfalt unterzeichnet, nachhaltige Maßnahmen für einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitskultur seien seltener: „Viele Unternehmen zeigen Offenheit. Doch häufig bleibt Diversität auf der Ebene von Marketing und Symbolik stehen. Einzelmaßnahmen, die an Diversity-Beauftragte delegiert werden, entfalten nur geringe Wirkung, wenn Führungsebene und Management nicht mitziehen“, so Gruhlich. Der politische Backlash in den USA und die umkämpfte Debatte um Vielfalt in Deutschland wirken inzwischen direkt in Unternehmen hinein – sie erzeugen Verunsicherung, bremsen manche Initiativen aus, stärken bei anderen aber eine bewusste „Jetzt-erst-recht“-Positionierung für Diversität. Ein Perspektivwechsel gelingt laut Gruhlich vor allem dann, wenn klar wird, dass Diversität keine Sonderpolitik für einzelne Gruppen ist, sondern allen zugutekommt: Eine Arbeitszeitrevolution zugunsten Kinderbetreuung und Pflege entlaste alle Geschlechter, und eine Leistungskultur, die Neurodiversität mitdenkt, senkt Burnout-Risiken und Krankheitsausfälle insgesamt.
Catharina Crasser, Geschäftsführerin der Denkfabrik Diversität, ordnete die aktuellen Entwicklungen vor allem aus ihrer langjährigen Praxiserfahrung in der Begleitung von Unternehmen ein. Sie erinnerte daran, dass Diversität in Unternehmen ursprünglich weniger aus moralischen Debatten heraus entstand, sondern aus einer sehr pragmatischen Erkenntnis: Bereits die 1987 veröffentlichte Studie Workforce 2000 zeigte, dass sich Arbeitsmärkte grundlegend verändern und Unternehmen langfristig nur dann erfolgreich bleiben, wenn sie sich für eine vielfältigere Erwerbsbevölkerung öffnen. Heute beobachtet Crasser, dass dieser Konsens zunehmend unter Druck gerät. Internationale politische Entwicklungen, insbesondere in den USA, erzeugen auch in Deutschland und Europa neue Unsicherheiten – etwa bei Unternehmen mit internationalen Verflechtungen. In ihrer Beratungspraxis erlebe sie sehr unterschiedliche Reaktionen: Manche Organisationen benennen ihre Diversity-Programme um oder frieren sie vorübergehend ein, andere positionieren sich bewusst klar und suchen nach neuen, anschlussfähigen Formen von Vielfalt, etwa unter dem Begriff Zugehörigkeit. „Viele Unternehmen fragen sich aktuell nicht, ob sie Vielfalt wichtig finden, sondern wie sie sie unter veränderten politischen Rahmenbedingungen verantwortungsvoll weiterführen können“, so Crasser. Daraus leitete sie einen klaren Auftrag an die Politik ab: Es brauche verlässlichen Diskriminierungsschutz, klare rechtliche Orientierung für Unternehmen sowie niedrigschwellige Unterstützungsangebote. Besonders wichtig sei es, Bürokratie abzubauen, faktenbasiert zu kommunizieren und Unternehmen besser über bestehende Fördermöglichkeiten zu informieren, damit Vielfalt nicht vom guten Willen Einzelner abhängt, sondern strukturell abgesichert wird.
Dr. Eva Voß, Vorsitzende der Charta der Vielfalt und Head of Diversity bei BNP Paribas, betonte, dass Diversität in der Praxis sowohl professionell ausgestaltet als auch pragmatisch gelebt werden müsse. Aus ihrer beruflichen Erfahrung – unter anderem im Aufbau diverser Strukturen in Unternehmen – wies sie darauf hin, dass ein pragmatischer Umgang wichtig sei, gerade in Organisationen ohne große Personalabteilungen. Voß plädierte dafür, stets das Verbindende in den Mittelpunkt zu stellen und vom reinen Diskurs ins konkrete Handeln zu kommen. Statt sich von äußeren politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen lähmen zu lassen, sollten Unternehmen zunächst auf die Bereiche schauen, die sie selbst aktiv gestalten können – etwa eigene Recruiting- und Beförderungsprozesse, transparente Gehaltsstrukturen oder gezielte Förderung von Mitarbeitenden. „Es geht darum, wieder in den Circle of Control zu kommen und dort anzupacken, wo wir wirklich etwas bewegen können“, erklärte Voß. So entstünden pragmatische Lösungen, die Vielfalt nicht nur symbolisch, sondern wirksam in den Arbeitsalltag integrieren.
Für Eva Lettenbauer MdL ist Diversität längst keine theoretische Debatte mehr, sondern ein politisches und wirtschaftliches Zukunftsthema, das klare Rahmenbedingungen braucht. Sie setzt sich deshalb dafür ein, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zu stärken. Lettenbauer macht deutlich, dass gute Arbeitsbedingungen, Vereinbarkeit von Beruf, Pflege und Familie, wirksamer Diskriminierungsschutz sowie lebensphasenorientierte Rahmenbedingungen zentrale Bausteine sind, um Vielfalt in Bayern nicht nur symbolisch, sondern praktisch zu leben und für alle zu ermöglichen. „Wir wollen nicht Menschen verändern, sondern die Rahmenbedingungen – im Sinne der Menschen, der Wirtschaft und einer zukunftsfähigen Arbeitswelt“, so Lettenbauer. Die GRÜNE Landtagsfraktion arbeitet engagiert daran in Bayern eine Landesstelle für Antidiskriminierung einzurichten.